In den
vergangenen Tagen habe ich, auf Empfehlung eines guten Freundes,
meinen ersten Anime „Log Horizon“ gesehen.
Ich
persönlich habe, außerhalb von Webvideos, wenig Erfahrung mit dem
Medium Film. Zum einen haben mich Kinofilme nie wirklich gereizt, zum
andern war in jungen Jahren mein Heiminternet zu schlecht, um in
einer angenehmen Videoqualität Filme, Serien oder besagte Anime
streamen zu können. In meiner Lust, den eigenen Horizont zu
erweitern, wollte ich nun also in meinen
Semesterferien
etwas neues ausprobieren und Anime schien mir, besonders wegen der
popkulturellen Relevanz, perfekt dafür geeignet.
Der
Anime handelt davon, dass die Spieler eines MMORPGs sich eines Tages
in der virtuellen Realität des Spieles wiederfinden und nicht in der
Lage sind, ihr zu entkommen. Dort müssen sie feststellen, dass sie
viele der Regeln, welche sie vom spielen kennen, nicht mehr gelten.
Soziale, ökonomische und politische Ordnung, wie sie im Spiel
existiert haben, gibt es nicht und es ist ein treibendes Motiv der
Geschichte, dass der Protagonist ebendiese schafft.
Es hat
mich sehr positiv überrascht, dass das zentrale Thema des Animes
nicht die Kämpfe, die Beziehungen der Charaktere oder die kleinen
Abenteurer sind, die sie erleben, sondern Politik.
Die
Fragen, die durch die Geschichte immer wieder gestellt werden,
betreffen die grundlegenden Strukturen unseres Leben und unserer
Gesellschaft. Wie soll in die Gesellschaft mit schwächeren umgehen?
Wie könne wir uns als Menschen Organisieren? Wie können wir unsere
Interessen vertreten und inwiefern spielt Moral dabei eine Rolle?
Ein weiteres wichtiges Element der Welt sind die Menschen
vom Land – so werden die NPC – Charaktere der Spielwelt
bezeichnet. Schon früh stellt der Protagonist, der eine moralische
Instanz darstellt, fest, dass diese auch Menschen sind, weil sie
sich, seit dem Ereignis, wie Menschen verhalten und scheinbar auch
wie welche empfinden können. Zusammen mit der sozialen Hierarchie,
unter der die Menschen vom Land leben – einer Interpretation eines
Feudalsystems – ist auch die Klassengesellschaft in Log Horizon ein
Thema.
Als
letztes finde ich es noch wichtig herauszustellen, dass der Plot, in
einem Videospiel gefangen zu sein, den zwanghaften Eskapismus
beschreibt, in dem sich nicht nur viele der Charaktere befinden,
sondern auch viele Videospieler. Man muss die Geschichte also auch
immer mit ihren Aussagen über Videospielsucht, die sie nebenbei
erzählt betrachten. So zeigen die Hintergrundgeschichten der
Charaktere immer wieder auf, dass sie auch aufgrund von sozialer
Probleme und Isolation dem Videospiel verfallen sind. Und es wird
gewarnt, denn durch das Spielen des Spiels vergisst man, durch einen
Tod, einen Teil seiner Erinnerungen an sein reales Leben, auch wenn
man in der Spielwelt durch den Respawn weiter existiert.
Und
auch wenn ich an der Spielwelt großen Gefallen gefunden habe, so
muss ich auch negative Kritik äußern. Die Widersacher des
Protagonisten sind nicht gut geschrieben. Ihre Motivationen für ihre
Ziele sind unglaubwürdig. Es ist nicht möglich mit ihnen zu
Sympathisieren, weil sie nicht wie Menschen geschrieben sind, sondern
wie Teufel. Und der Protagonist macht auch wenig Spaß, da er nahezu
allwissend ist und in allen Aspekten ein Meister ist, sei es
politisches, militärisches oder soziales Verständnis. Er kann
Menschen, die er zum ersten mal trifft, wie Bücher lesen und
benutzen. Er ist eigentlich nur eine Machtfantasie, in einer Welt, in
der so etwas unangebracht scheint. Außerdem nerven mich die
Geschlechterstereotypen, aber das ist vielleicht auch einfach mein
Problem.
Was
allerdings nicht nur mein Problem ist, ist die Sexualisierung von
Charakteren, die ganz offensichtlich Kinder darstellen. Wieso ist der
erste Kommentar, nachdem ein Charakter sich einer Geschlechts- /
Körperumwandlung unterzieht und den Körper eines jungen Mädchens
annimmt, dass sie heiß ist? Wieso hat dieser Charakter und ein
anderes minderjähriges Mädchen romantisches Interesse am
Protagonisten? Ich kann mir keinen Film / keine Serie ansehen und sie
für gut befinden, wenn dort Kinder, von Erwachsenen, als Objekte
romantischer oder sexueller Begierden dargestellt werden, ohne dass
dies dabei sehr bewusst verwendet und behandelt wird. Das Werk Lolita
wird als sehr kontrovers betrachtet, weil es Pädophilie behandelt,
aber nicht kritisch damit umgeht. Wieso kann ein Werk, welches sich
an Minderjährige richtet, auch wenn es in seiner Darstellung weniger
explizit ist als das Vergleichswerk, so ein Thema ebenfalls so
unkritisch behandeln?